Aus den Marienthaler Festspielen wird das sommerton-festival auf Schloss Diersfordt Das Programm wurde am 20. März 2014 vorgestellt Künstlerischer Leiter: Wilfried Schaus-Sahm
„Es gelingt mir garnicht oder nur mit Mühe, mich als Individuum wahrzunehmen, als eine Person, als ein Ich. Ich sehe mich eher als einen Ort, an dem vorübergehend gewisse Dinge geschehen. Und was ich geschrieben habe, das war sicher Ich zum Zeitpunkt, als ich es schrieb, aber gleich danach ist es nicht mehr Ich. Das ist wie Wasser, das durch ein Sieb fließt.“
(Claude Lèvi-Strauss)
60 MINUTEN. FLUSSABWÄRTS wurde als Auftragswerk der Marienthaler Festspiele am 30. August 2013 uraufgeführt. Es handelt sich um eine genau 60minütige Komposition, die symmetrisch aus 12 fünfminütigen Teilen und gleichzeitig 60 Minuten-Abschnitten besteht, die sich oft unmerklich und fließend, manchmal abrupt ablösen.
Dem Wasser ist das Werk thematisch gewidmet: WASSER ist das verbindende Element der Songs, die wie Treibgut in dem 60minütigen Fluss auftauchen und von Franz Schubert, Tom Waits, Björk, Brian Eno, Randy Newman oder Nick Cave stammen. Teils als Zitat, teils als Neuinterpretation bilden sie den thematischen Rahmen und fügen sich organisch in die 60minütige musikalische Fluss-Reise ein.
Die beiden musikalischen Grundmotive sind das Tempo 60, also ein Sekundentakt, der immer wieder das musikalische Geschehen auf verschiedenste Weise grundiert, sowie ein harmonisches Leitmotiv in Form einer abwärts kreisenden Spirale, das in immer neuen Variationen auftaucht.
Der Computer ist der musikalische Schrittmacher, immer wieder spürbar, oft aber auch unmerklich. Musikalische Themen, Ausbrüche, Lieder, Texte finden innerhalb des Spiels der Spiralen ihren Platz: Freiräume, Gegensätze, Reibungen, Brechungen. Variationen. Umdeutungen des Tempos, der Modi, der Taktarten. Ein fast mathematisch strenges System wird durch menschliches Musizieren an den Rand des Zusammenbruchs gebracht – und umgekehrt.
60 Minuten. 60 Stücke. 60 bpm. Ein Schlag pro Sekunde, wie der Sekundenzeiger einer Uhr.
3600 Sekunden. 3600 Herzschläge. Ruhepuls.
Mit der Zeit gehen. Aus der Zeit fallen. Mit der Zeit spielen. Spiel auf Zeit.
Songs, Grooves, Kompositionen, Improvisationen, Klanglandschaften. Texte und Assoziationen. Wasserbilder. Musik für eine Flussreise, für einen nie gesehenen Film.
Dirk Raulf
Foto: Volker Beushausen
Meret Becker
Stimme, miscellaneous instr.
Deep Schrott:
Wollie Kaiser – Saxophone, Flöten, Klarinetten
Andreas Kaling – Saxophone
Jan Klare – Saxophone, Flöten, Klarinetten
Dirk Raulf – Saxophone, Bassklarinette, Piano, Toy Piano, Leitung
sowie:
Frank Schulte – Elektronik, Video
Thorsten Drücker – Gitarre
Dirk Peter Kölsch – Schlagzeug
unter dem titel „marienthaler festspiele zu gast auf schloss diersfordt“ wird das im letzten jahr erfolgreich gestartete festival im august sein zelt neben dem ebenfalls nahe bei wesel liegenden schloss diersfordt aufbauen.
inmitten einer intakten naturlandschaft und wunderbar abgeschiedener umgebung aber dennoch zentral liegt die 1432 entstandene schlossanlage diersfordt – mit rustikalem, aber stilvollem ambiente, einer rokoko-kirche auf dem schloss-platz und eigenen wasserflächen. die anlage befindet sich heute im privatbesitz.
«Oh Säculum, oh Jahrhundert, oh Wissenschaft! Es ist eine Lust zu leben!» (Ullrich von Hutten , 1500)
Die Beschreibung und Vermessung der Welt
Die diesjährigen Mercator Matinéen beginnen mit einem Vortrag über ein Genie, das vor 500 Jahren „die Renaissance über die Alpen nach Deutschland holte“ (DER SPIEGEL). Albrecht Dürer verstand sich wie Gerhard Mercator als „Weltbildner“. Seine Aquarelle zeigten Stadtansichten erstmals so, dass der Betrachter sie in Einzelheiten wiedererkennen konnte. Einen Steinwurf von Dürers Werkstatt entfernt verkaufte Martin Behaim dem Rat der Stadt den vermeintlich ersten Erdglobus. „Nürnberg leuchtet wahrlich in ganz Deutschland wie eine Sonne – unter Mond und Sternen“ schwärmte Martin Luther und tatsächlich ist in dieser „Metropole“ das neue Streben nach Genauigkeit, nach wissenschaftlicher Erkenntnis exemplarisch zu verfolgen. In Frankreich wiederum wagt es der große Humanist Michel de Montaigne, sich einer Vielzahl von Themen unverstellt zu nähern und auch teilweise alltäglichste Phänomene aus konkreter Erfahrung und ohne scholastische Vorgaben zu beschreiben. Er wird mit seinen Essays zu einem Vorläufer der Aufklärung. Dass diese Epoche der Beschreibung und Vermessung der Welt zugleich der Beginn der Welteroberung, der Unterwerfung von Völkern und der systematischen Ausplünderung ihrer Schätze und Rohstoffe ist – also die negativen Seiten dessen aufzeigt, was wir heute Globalisierung nennen – auch diesen wichtigen Aspekt werden wir beleuchten.
Gerhard Mercator hat die Entdeckung der Gesetze der Planetenbewegung durch Johannes Kepler nicht mehr erlebt. Der spannende und revolutionäre Prozess der Entstehung eines neuen Weltbildes wird uns beschäftigen und wir lassen uns davon berichten, welches Weltbild die heutige Wissenschaft hat, wie sie unseren Planeten in der heimischen Galaxis, der Milchstraße, einordnet. Zwei Vorträge machen deutlich, dass selbst der große Gerhard Mercator als Begründer der modernen Kartographie “auf den Schultern von Riesen” stand: Wir würdigen seinen Lehrer Gemma Frisius, der die Mathematik bei der Vermessung und Navigation in einer neuen Art und Weise anwandte und stellen die bedeutenden Kartographen und Astronomen des arabisch-islamischen Kulturkreises vor, die das Wissen der Spätantike gerettet hatten und führend in der Entwicklung von technisch-wissenschaftlichen Geräten waren.
sitzend von links nach rechts:
sabine metro-beushausen (künstlerbetreuung)
michaela kannenberg (organisation und ticketing)
angelika patt (presse-und öffentlichkeitsarbeit)
stehend von links nach rechts:
volker beushausen (foto und design)
christel sahm (dokumentation)
dr. michael patt (vereinsvorsitzender)
dirk czernik (finanzen)
wilfried schaus-sahm (künstlerische leitung)
„live at the codebar“ (1,20 x 10,55 m)
das dem pianisten joachim kühn gewidmete, großformatige bild wird am 12. januar 2012 parallel zu einem auftritt des joachim kühn berlin-paris trio (joachim kühn p; sebastien boisseau b; christian lillinger dr) ausgestellt.
„Es ist eine neue Zeit. Die alte Zeit ist vorbei. Die Menschheit erwartet etwas. Es ist eine große Lust aufgekommen, die Ursache aller Dinge zu erforschen. Jeden Tag wird etwas gefunden. Die alten Lehren, die tausend Jahre geglaubt wurden, sollen nicht mehr gelten.“ (Bertold Brecht. Das Leben des Galilei)
Eine neue Zeit
Das Zitat aus Bertold Brechts Theaterstück „Das Leben des Galilei“ steht als Motto über unserer neuen Veranstaltungsreihe der Mercator – Matinéen. Es beschreibt ein Jahrhundert, das ein neues Bild der Welt und ein neues Bild des Menschen prägte, die Wissenschaft von ihren religiösen Fesseln befreite und für unsere Gegenwart von immenser Bedeutung ist. Im 16. Jahrhundert geriet das von der Kirche gepredigte Weltbild, in dem die Erde als die Mitte des Universums galt, durch die Theorien von Nicolaus Copernicus, Johannes Kepler und Galileo Galilei ins Wanken. Brecht lässt Galileo in seinem Theaterstück den Widerspruch von wissenschaftlicher Forschung und theologischer Deutungshoheit mit einem bissigen Aperçu auf den Punkt bringen: „Die Winkelsumme im Dreieck kann nicht nach den Bedürfnissen der Kirche abgeändert werden.“ Wie zuvor Thomas von Aquin den Aristotelischen Materialismus mit der scholastischen Schöpfungslehre in Einklang zu bringen versuchte, ist auch Gerhard Mercator durchaus noch bemüht, die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse mit der Bibel zu versöhnen. Seine im Prinzip konservative religiöse Haltung wird dabei aber bereits durch seine eigenen Forschungs ergebnisse – so z.B. die Erkenntnis, dass der Magnetpol eine irdische, keine himmlische Angelegenheit ist – relativiert. Auch Mercator ist nicht davor gefeit, der „Lutherey“ bezichtigt zu werden – er wird für kurze Zeit eingekerkert. Dennoch, der unaufhaltsam fortschreitende Prozess der Neu orientierung schuf das geistige Klima einer neuen Epoche, der Renaissance, die sich vom Mittelalter und der Scholastik abwandte und als Leitbild die antike Bildung und das lebensbejahende, schöpferische Individuum in den Vordergrund stellte. In einer lockeren – hoffentlich lehrreichen und unterhaltsamen – Folge von Vorträgen, Lesungen und Konzerten möchten wir einige Aspekte dieses spannenden Jahrhunderts beleuchten, in dem der größte Bürger unserer Stadt sein bedeutendes Werk schuf, das bis heute nicht an Aktualität verloren hat.
auf anregung von wilfried schaus-sahm wird joachim kühn im rahmen des „kurt-weill-festivals 2012“ kompositionen von kurt weill bearbeiten.
joachim kühn, dessen trio-einspielung von weills „dreigroschenoper“ mit daniel humair (dr) und jean-francois jenny clarke (bass) bereits 1996 mit dem „preis der deutschen schallplattenkritik“ ausgezeichnet wurde, hat von prof. michael kaufmann den auftrag erhalten, eine suite zu den chansons aus „marie galante“ zu verfassen.
joachim kühn hat die besetzung seines quintetts für das projekt nunmehr bekannt gegeben.
joachim kühn p; rolf kühn cl; louis sclavis bcl/cl; sebastien boisseau b; ramon lopez dr
uraufführung auf der historischen bühne des bauhauses dessau; t.b.a.
premiere der auftragskomposition für das kurt-weill-festival in dessau 2011 auf der historischen bühne des bauhauses.
neue musik zu dem filmklassiker „die abenteuer des prinzen achmed“ (1926) von lotte reiniger.
ausführende: das renaud garcia-fons sextett
idee und konzept: wilfried schaus-sahm
fotos von der uraufführung in dessau (link auf facebook)
pensum – wilfried schaus-sahm (einführung durch brüninghaus-knubel)
Rudolf Arnheim hat künstlerische Arbeit so beschrieben: „Die Kunst ist kein Betätigungsfeld für entspannte Leute. Die Reichtümer der Seele müssen durch bewusste und unbewusste Disziplin in eine organisierte Form gebracht werden und dadurch bedarf es einer Anstrengung der Konzentration.“ Das nennt Schaus-Sahm in dieser Ausstellung „Pensum“, sein Tagewerk – und gibt uns mit diesem Wort schon zu bedenken, dass eine gewisse Handwerklichkeit, ein stetiges Tun im Spiel ist. Schaus-Sahm erzählt z.B. auch gern von seinem Namen, der eine altdeutsch-dialektale Form von „Schuster“ sei.
„Kopf und Hand sind verwand“ so heißt ein Bild von Manfred Vogel, der für Schaus-Sahm eine wichtige Bezugsperson wurde, Dialogpartner, Mentor und Unterstützer bei der Malerei – nicht nur in „Traumzeiten“- und dieser Titel könnte auch über den Werken von Schaus-Sahm stehen. Auge und Ohr – diese beiden im Kopf angesiedelten Sinnesorgane – sind für ihn eminent wichtig. Seine visuelle Wahrnehmung der Welt – die Augenreize, die Wahrnehmungsreize – führen zum Aufheben, zum Behalten, zum Auswählen. Zufällig gefundene, gleichsam ent-deckte Materialien, Formen, Motive werden zu vielfältigen Anlässen und Ausgangspunkten für Bilder, und vielleicht entstehen auch auf diese Art seine Wortbilder, die wir in der Lesung seiner Gedichte soeben erleben durften. Das können Schnipsel aus der Warenwelt wie aus der digitalen Welt sein, Bilder jeglicher Art, Zeichen und Spuren von Eigenem oder Fremdem, Rätselhaftes oder Banales. Immer begleitet und inspiriert von Musik bearbeitet Schaus-Sahm das alles mir seiner Handschrift als Maler: hier kommt die Hand-Arbeit ins Spiel, im weitesten Sinne, auch ohne Scheu vor zeitgenössischen technischen Reproduktionsmethoden: sei es, dass er das i-pod nutzt, um spontan Fotografie und digitales Malen zu verbinden, oder seien es die digitalen Prozesse, auf deren Basis Tuschezeichnungen entstanden sind. Das alles muss jedoch einen gewissen Reiz für den Künstler auslösen, damit es aufgegriffen wird – intuitiv – assoziativ, von einem irgendwie persönlichen oder intellektuellen Interesse geleitet oder ganz vom Bildnerisch–Visuellen ausgehend, um dann in einer Art écriture automatique weiter bearbeitet zu werden. Manchmal verschwindet der Ausgangspunkt fast unter dem Weitermalen. Schichten überlagern sich ganz konkret als Farbe oder Collagematerial, und das ist auch für den Betrachter sichtbar, der auf diese Weise gleichsam an diesem Arbeits-Prozess teilnimmt, indem er ihn in der Betrachtung nachvollzieht.
Charakteristisch sind die Aufteilungen im Bild, in denen Einzelelemente zu neuen Ordnungen und Gewichtungen malerisch zusammen gefasst werden: Abschnitte, Absätze wie bei einem Layout, unterschiedliche Formen- und Texturkomplexe zusammenstellend, nebeneinander, gegeneinander, überlagernd. Scheinbar willkürlich, aber doch von einer inneren visuellen Logik. Wie zufällig und improvisiert auch immer seine Bildfindungen zustande kommen, hier greift das, was Arnheim über die „unbewusste Disziplin“ und die „organisierte Form“ gesagt hat.
Überhaupt: das Ordnen. Wenn die freie gestische Malerei, das Kritzeln, die kalligrafischen Elemente, der offene Ausgang des Mal-Prozesses die eine Seite seiner Kunst ist, dann ist da auf der anderen Seite auch noch die freiwillige Beschränkung auf ganz bestimmte Formate, seien es die schmalen Hochformate oder die Quadrate der CD-Hüllen. Mit denen wird allerdings gespielt und variiert, komponiert und in immer wieder anderen Kombinationen neu formuliert. Dabei entstehen Tableaus – wie z.B. die große, 10 Meter breite Komposition, reduziert auf Schwarz-Weiß, der Schaus-Sahm ausnahmsweise einen Titel gegeben hat: Live at the Code Bar: ein Spiel mit Worten und damit Bedeutungen. Als visuelles Ausgangsmaterial haben ihn Barcodes –Strichcodes- interessiert und da ihn beim Malen dieser Bilderserie ausschließlich Musik von Joachim Kühn akustisch begleitet hat, wurde das Ganze dann zu einem schöpferischen Event, der sozusagen live in der Code Bar stattfand – so wie Jazzmusiker oft ihre Produktionen nennen, die an bestimmten Orten aufgezeichnet wurden. Seltsamerweise gibt es in Mackay im australischen Queensland wirklich eine Bar mit dem Namen – vielleicht könnte dies wiederum zu einer Kette von Assoziationen führen, die in der Völklinger Straße in Walsum zu neuem malerischen Weiterspinnen Anlass geben. Cornelia Brüninghaus-Knubel Cornelia Brüninghaus-Knubel war bis 2007 mehr als 20 Jahre lang Museumspädagogin im Duisburger Wilhelm Lehmbruck Museum und erhielt für ihre Verdienste die Mercator-Ehrennadel der Stadt Duisburg. Cornelia Brüninghaus-Knubel hat zahlreiche eigene Publikationen verfasst und arbeitet heute konzeptionell für Museen und im Rahmen von Lehraufträgen an Hochschulen.
(siehe auch video unter menuepunkt kunst/live at the codebar)