„Von Freiheit, Lust und Fegefeuer“ – Mercator Matinéen 2024
Das Programm der Mercator Matinéen 2024 wurde veröffentlicht. Kurator: Wilfried Schaus-Sahm

Von Freiheit, Lust und Fegefeuer
Für den Karneval des Jahres 1497 hatte Girolamo Savonarola, der Prior von San Marco, auf der Piazza della Signorina in Florenz ein „Fegefeuer der Eitelkeiten“ verordnet. Ein Zeitgenosse berichtete: „Auf den Stufen der Pyramide waren all die Eitelkeiten und die unzüchtigen Dinge platziert … Tuche mit schamloser Bemalung, Gemälde der schönsten Frauen von Florenz, Spieltische, Karten, Würfel, Liederbücher, Harfen, Dudelsäcke, Perücken, Schleier, Spiegel, Parfums, unzüchtige Bücher, Masken, Kostüme …“ Zu den unkeuschen Büchern, die in Flammen aufgingen, zählte auch das 1470 erstmalig gedruckte Dekameron von Giovanni Bocaccio. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat anhand des Dekameron erläutert, „dass sich mit dem Ereignis, das wir Renaissance nennen, viel mehr als nur ein Stilwandel in den Künsten vollzieht …“ (*) Hatte die seit 1348 in Florenz wütende Beulenpest den gottesfürchtigen Menschen unerbittlich aufgezeigt, dass alles Beten nicht mehr half, so waren die erotischen, kirchensatirischen Erzählungen Bocaccios eine Absage an den Fatalismus und Passivismus des Mittelalters. Von da aus fehlte lediglich ein kleiner Schritt, sich des Wissens statt des Glaubens zu bedienen, um dem Elend der heillosen Welt entgegenzutreten.
Aber – an Gerhard Mercator lässt sich der Widerspruch exemplarisch erkennen, der zwischen dem neuen Drang nach Erkenntnis und der immer noch tiefen Gläubigkeit der Renaissancemenschen auftrat. Seinem „Atlas“ hat er eine Schöpfungsgeschichte vorausgeschickt, die von einem fast kindlich naiven Bibelglauben zeugt. Wie tief die allgemeine Höllenfurcht weiterhin saß, zeigen Botticellis grandiose Inferno-Illustrationen von Dantes „Göttlicher Komödie“. Der Fanatiker Savonarola konnte die Geschichte mit seinem gottgefälligen Autodafé nicht aufhalten. Er wurde ein Jahr später selbst gehängt und verbrannt. Aber Bocaccio zählte mit Dante Alighieri und Francesco Petrarca fortan zu den „Drei Kronen“ von Florenz und er hat Filmkünstler wie Pasolini, Fellini und Visconti inspiriert. Das Neue brach sich unaufhaltsam Bahn. Den erwachten Zweifeln an der göttlichen Allmacht folgte die Befreiung des Individuums, die Befreiung der Künste und die Befreiung der Wissenschaften aus den Fesseln der Kirche. Es entstand ein neues Menschenbild, bahnbrechende Perspektiven ergaben sich, die sich in der Literatur, der Malerei, der Bildhauerei, der Architektur und der Musik niederschlugen. Die MM 2024 zeigen an ausgewählten Beispielen, wie die sich wandelnde Geisteswelt der Mercator-Zeit in Kunst, Literatur und Musik ihren Widerhall fand und welche prägende Wirkung dieser Prozess für die westliche Kultur bis in unsere Tage hat.
Wilfried Schaus-Sahm
(Kurator der Mercator Matinéen)
(Programm siehe Menuepunkt Mercator Matinéen